Bei den Proben für das Musical „Sister Act“ trainieren die Mitglieder des Oberstufenchors des Goldberg-Gymnasiums mit Musical-Star Kevin Tarte.
SINDELFINGEN. In der Aula des Sindelfinger Goldberg-Gymnasiums (GGS) hat der aus Produktionen wie „Tanz der Vampire“ oder „Les Misérables“ bekannte Musical-Profi Kevin Tarte mit den gut 50 Mitgliedern des GGS-Oberstufenchors trainiert: Am 16. März feiert der Chor unter der Leitung von Monika Roos Premiere mit dem Musical „Sister Act“.
Im September letzten Jahres begannen die Proben, deren heiße Phase seit Januar den Schülerinnen und Schülern im Alter von 14 bis 18 Jahren kaum Zeit für andere Hobbys lässt. Unterstützt wird die Produktion unter der Gesamtleitung von Monika Roos von Lehrerkollege Tobias Walldorf als Regisseur, Kunstlehrerin Silke Pock als Bühnenbildnerin und von Profi-Choreografin Lisa Maria Wehle sowie von Jens Otzen, Katrin Kramer und Fabian Löbhard in der Band.
Maskuline Bühnenpräsenz
„Ihr müsst laufen, als gehöre euch die Welt, als sei euer Schwanz einen Meter lang“, gibt Kevin Tarte den Gaunern TJ, Joey, Pablo und Curtis alias Nicholas und Frederic Riemer sowie Andreas Sosic und Joshua Hirmer Tipps für eine eindrücklich maskuline Bühnenpräsenz als Macho-Gauner.
Der aus Produktionen wie „Die Schöne und das Biest“, „Cats“ oder „Tanz der Vampire“ bekannte Musical-Profi macht es gleich mal vor: Mit dem rechten Bein entschlossen und grimmig auftreten, das linke Bein samt Hüfte locker mitschwingen lassen, und die von den Gaunern eingeschüchterten Nonnen geraten allein schon durch das über die Bühne schwappende Testosteron in die Defensive.
Eigenheiten übertreiben
„Auf einer Musical-Bühne müssen die Eigenheiten der Figuren immer ein bisschen übertriebener daherkommen als in einem Film, wo die Kamera dicht an die Charaktere heranrücken kann“, erläutert Kevin Tarte, warum die Mitglieder des GGS-Oberstufenchors im Vergleich zum Film „Sister Act – eine himmlische Karriere“ mit Whoopi Goldberg aus dem Jahr 1992 auf die Bühnenpräsenz ihrer Figuren noch eine Schippe drauflegen müssen – was bei einem Filmschauspieler übertrieben wirken würde, legt in das Auftreten einer Bühnenfigur genau die richtige narrative und atmosphärische Wucht.
Auch für die Schwester Oberin von Tabea Saile, neben den vier Gaunern und Emilia Lukic, Nele Pleß, Ivana Krstanovic sowie Helen Guntermann eine der Hauptdarstellerinnen, hat Kevin Tarte konkrete Tipps: Zwar sei die Oberin, genau wie Tabea Saile selbst, grundsätzlich freundlich. Doch ein strenges Wesen dominiere dennoch den Habitus der Oberin, was sich unter anderem in Gang, Mimik und Körperhaltung ausdrücken müsse.
Humoristische Grundstruktur
Für alle Nonnen gilt: „Dieses Kloster ist am Anfang total verkrustet: Das müsst ihr in eure Figuren legen“, ruft Kevin Tarte. Dies sei wichtig für die gesamte narrative und humoristische Grundstruktur des Musicals „Sister Act“: Die spätere Komik der Auflockerung des Klosters könne nur im Kontrast mit einer anfangs grimmigen Atmosphäre funktionieren. Ob Körperspannung, Gang oder Gestik: All dies ist nicht nur für die einzelnen Figuren wichtig, wie der Musical-Profi erläutert – sondern für das Funktionieren aller Elemente der Produktion. Wie können sich verkrustete Strukturen eines Klosters bereits durch das schiere Stehen auf der Bühne ausdrücken? „Schaut euch mal alte Gemälde an“, so Kevin Tarte: „Stellt euch so steif hin wie die dort Porträtierten.“ Der wichtigste Tipp zielt aufs Selbstvertrauen der Jugendlichen: „Ihr habt mehr Power, als ihr denkt.“
Es mache ihm riesigen Spaß, bereits zum zweiten Mal mit dem GGS-Oberstufenchor zu trainieren, erzählt Kevin Tarte, der in den USA geboren wurde, seit 1997 unter anderem in Stuttgart in zahlreichen Musical-Produktionen mitwirkte und inzwischen in Bad Urach lebt: „Zu sehen, wie sich diese Schülerinnen und Schüler entwickeln und an Selbstbewusstsein gewinnen, ist eine große Freude. Völlig unabhängig davon, was sie später einmal beruflich machen, hat eine solche Musical-Produktion einen positiven Einfluss auf das gesamte Leben.“
Bei der Produktion „Titanic“ lernte Kevin Tarte im Jahr 2009 den musikalischen Leiter Rainer Roos kennen, Ehemann von Musiklehrerin Monika Roos, die den Musical-Profi im Jahr 2023 dafür gewinnen konnte, das Ensemble der GGS-Oberstufenchor-Produktion „Natürlich blond“ bei einem eintägigen Workshop zu trainieren.
Rolle glaubwürdig rüberbringen
„Kevin hat tolle Tipps, wie man sich in seine Rolle hineinversetzen und diese glaubwürdig rüberbringen kann“, zeigt sich die 17-jährige Helen Guntermann begeistert vom eintägigen Workshop mit dem Musical-Star. „Er bringt uns dazu, auf Details zu achten, die einem zunächst gar nicht bewusst sind“, ergänzt die 16-jährige Emilia Lukic: „Außerdem stärkt die Arbeit mit Kevin unser Selbstbewusstsein auf der Bühne.“
Vom gesteigerten Selbstvertrauen profitiere sie nicht nur beim Agieren auf der Bühne selbst, so die 15-jährige Nele Pleß: „Ich bin auch im Alltag viel selbstbewusster, seit ich bei Bühnenproduktionen mitmache.“ Ihr falle der Umgang mit anderen Menschen, auch das Sprechen vor einer Gruppe, viel leichter als früher, so Helen Guntermann, die in diesem Jahr ihr Abitur macht: „Und der soziale Zusammenhalt des Ensembles ist großartig.“
Wenig Zeit für andere Hobbys
Seit Schuljahresbeginn, also seit September, laufen die Proben für „Sister Act“ ein- bis zweimal pro Woche. Seit Januar kommen beide Tage aller Wochenenden hinzu: „Viel Zeit für andere Hobbys haben die Ensemblemitglieder nicht“, so Monika Roos: „Entsprechend glücklich bin ich darüber, dass so viele Schülerinnen und Schüler mitmachen, und mit welcher Begeisterung.“ Der Workshop mit Kevin Tarte sei von großem Wert, so Monika Roos: „Es tut der Produktion gut, wenn ein Profi mit viel Bühnenerfahrung Input von außen gibt.“
„An Wettkämpfen kann ich während der heißen Probenphase nicht teilnehmen, aber normal turnen geht schon“, erzählt Nele Pleß davon, wie ihre anderen Leidenschaften, Turnen und Tanz, hinter ihrer Begeisterung für den GGS-Oberstufenchor zurückstecken müssen. „Weil ich in diesem Jahr Abi mache, verzichte ich komplett auf Turnen und Leichtathletik, die normalerweise meine große Leidenschaft sind“, erzählt Helen Guntermann. „Wenn man dann Applaus bekommt bei der Premiere für das, was man geleistet hat, ist das ein unbeschreibliches Gefühl“, so Nele Pleß: „Dann weiß man, dass es sich gelohnt hat.“ Diese „Wertschätzung für die eigene Leistung“ sei jede Mühe wert, so Emilia Lukic: Und die Verbundenheit mit den anderen Mitgliedern des Ensembles, die durch eine solche Produktion entstehe, sei eine riesige Bereicherung.
